Die soziale Ungleichheit in Deutschland wird immer sichtbarer und hat gravierende Auswirkungen auf die Gesundheit der betroffenen Bevölkerung. Rund 13 Millionen Menschen leben hierzulande in Armut, was nicht nur zu finanziellen, sondern auch zu gesundheitlichen Nachteilen führt. Arme Menschen haben ein deutlich höheres Risiko für Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Symptome, Depressionen und Infektionen. Dies zeigt sich auch in der alarmierenden Tatsache, dass das Risiko, den 65. Geburtstag nicht zu erreichen, für Menschen in Armut doppelt so hoch ist wie für wohlhabendere Mitbürger. Diese Informationen stammen aus dem NDR Info Podcast „Synapsen“, in dem der Autor Sebastian Friedrich epidemiologische Daten untersucht und Experten vom Robert Koch-Institut sowie aus der Medizinsoziologie befragt hat. Friedrich berichtet von seiner persönlichen Erfahrung mit den gesundheitlichen Folgen sozialer Bedingungen in seiner Kindheit und hebt hervor, dass die Forschung auf Verhältnisänderung statt Verhaltensänderung setzt, um die gesundheitliche Situation zu verbessern.
Laut dem Paritätischen Wohlfahrtsverband leben noch mehr Menschen in Armut, wenn man die Wohnkosten berücksichtigt. Besonders alarmierend ist, dass die Armutszahlen im Jahr 2024 leicht gestiegen sind, insbesondere bei jungen Erwachsenen. Eine Umfrage (#NDRfragt) zeigt zudem, wo sich Norddeutsche benachteiligt fühlen und welche politischen Wünsche sie haben. Die gesundheitlichen Folgen dieser sozialen Ungleichheit sind nicht zu unterschätzen und betreffen alle Altersgruppen.
Lebenserwartung und Gesundheitsdisparitäten
Ein weiterer Aspekt der gesundheitlichen Ungleichheit ist die Lebenserwartung. Frauen in sozioökonomisch benachteiligten Regionen haben eine um 4,3 Jahre kürzere Lebenserwartung als ihre wohlhabenden Kolleginnen, während Männer in benachteiligten Regionen sogar 7,2 Jahre kürzer leben. Diese Unterschiede waren Anfang der 2000er Jahre noch geringer, was darauf hindeutet, dass wohlhabendere Regionen stärker vom Anstieg der Lebenserwartung profitiert haben. Hoebel erklärt, dass Menschen aus ärmeren Gegenden während der Corona-Pandemie auch stärkere Einbußen bei der Lebenserwartung erlitten haben.
Die gesundheitliche Ungleichheit zeigt sich in einer Vielzahl von Krankheiten, darunter Herz-Kreislauferkrankungen, Diabetes und chronische Atemwegserkrankungen. Anne Kaman vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf betont, dass gesundheitliche Chancengleichheit in Deutschland nicht gegeben ist, insbesondere bei der seelischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Auch Claudia Röhl vom Umweltbundesamt weist darauf hin, dass arme Haushalte stärker durch schlechte Luft, Lärm und Hitzetage belastet sind.
Politische Forderungen und Maßnahmen
Angesichts dieser alarmierenden Fakten fordert Berlins Gesundheitssenatorin Ina Czyborra eine stärkere Präventionsförderung und eine solide Finanzierungsgrundlage. Rolf Rosenbrock, Gesundheitsökonom und Vorstand der Arbeitsgemeinschaft Gesundheit Berlin-Brandenburg, warnt, dass die Spreizung von Einkommen den sozialen Zusammenhalt gefährdet. Er schlägt vor, die Einrichtung eines Bundesinstituts für öffentliche Gesundheit in den laufenden Koalitionsverhandlungen zu erörtern.
Die Diskussion um die gesundheitlichen Auswirkungen von Armut und sozialer Ungleichheit ist nicht neu. Der sechste Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung von 2021 und der Paritätische Armutsbericht von 2023 thematisieren die Auswirkungen der Pandemie und der Inflation auf die soziale Lage. Laut einer Pressemitteilung von Destatis aus dem Mai 2023 ist bereits ein Fünftel der Bevölkerung in Deutschland von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht. Studien wie die von Gaertner et al. (2023) zur gesundheitlichen Lage älterer Menschen sowie die Untersuchungen von Lampert et al. zu sozialen Unterschieden in Mortalität und Lebenserwartung verdeutlichen die Dringlichkeit, Maßnahmen zu ergreifen.
Die gesundheitlichen Ungleichheiten sind ein komplexes und drängendes Thema, das mehr Aufmerksamkeit benötigt. Der NDR Info Podcast „Synapsen“ bietet eine wertvolle Plattform, um diese wichtigen Fragen zu diskutieren und Lösungen zu finden. Die Forschung und die politischen Maßnahmen müssen Hand in Hand gehen, um die Lebensbedingungen und die Gesundheit der Menschen in Deutschland nachhaltig zu verbessern. Für detaillierte Informationen und umfassende Analysen zu diesem Thema empfehlen wir, den Podcast hier zu hören.