Am 15. Februar 2026 endete am Hamburger Thalia Theater ein faszinierendes und kontroverses Theaterexperiment mit dem Titel „Prozess gegen Deutschland“, inszeniert von Milo Rau. Die Veranstaltung, die über drei Tage vom 13. bis 15. Februar stattfand und fast 15 Stunden dauerte, stellte sich einer der drängendsten Fragen der deutschen Gesellschaft: Sollte die AfD verboten werden? Dieses fiktive Gerichtsverfahren, das echte juristische Personen und Argumente einbezog, wurde live gestreamt und sorgte für rege Diskussionen in digitalen Öffentlichkeiten.
Der Prozess, ursprünglich als ein Verfahren gegen Big Tech konzipiert, wurde umbenannt, um die politischen und gesellschaftlichen Themen, die die Bundesrepublik bewegen, direkt zu beleuchten. Zentrale Fragen waren unter anderem das mögliche Verbot der AfD, ein Social Media-Nutzungsverbot für Menschen unter 16 Jahren sowie die Verherrlichung von Gewalt durch die AfD. Eine Geschworenen-Jury, bestehend aus sieben Hamburger*innen, beriet über das mögliche Verbot, wobei die Kriterien für deren Auswahl unklar blieben.
Ein theatrales Experiment
Die Inszenierung bot einen geordneten Ablauf mit geskripteten Reden und Kreuzverhören, was die Zuschauer zu einem passiven Publikum machte. Trotz der intensiven Auseinandersetzung um die Kernfragen des Prozesses gab es Kritik an der mangelnden Klarheit und Transparenz. Herta Däubler-Gmelin, ehemalige Bundesjustizministerin, übernahm den Vorsitz in der Jury und führte durch die komplexen juristischen Fragestellungen.
Insgesamt nahmen 35 Zeuginnen, Experten und Betroffene an der Veranstaltung teil, unter ihnen auch prominente Stimmen wie Frauke Petry und Jason Stanley. Die Jury entschied letztlich, dass keine Geschworenenmehrheit für ein AfD-Verbot erreicht wurde, jedoch wurde eine Prüfung eines Verbots empfohlen. Harald Martensteins Rede über die Verbindung zwischen einem möglichen Verbot der AfD und dem Ende der Demokratie ging viral und befeuerte die öffentliche Diskussion.
Gesellschaftliche Relevanz und digitale Entkopplung
Milo Rau, der seit Jahren dokumentarische Prozessformate nutzt, sieht in diesem Projekt eine Diagnose der politischen Radikalisierung in Europa. Er betont die Notwendigkeit, Polarisierung und Extremismus in der Demokratie zu thematisieren. Rau kritisiert die Abkehr vom Dialog und die Bildung von Meinungsblasen, die die Kommunikationsfähigkeit in Deutschland gefährden. Das Theater soll als Raum dienen, in dem unterschiedliche Argumente geäußert werden können, und auch unbequeme Stimmen eine Plattform finden.
„Prozess gegen Deutschland“ ist nicht nur ein künstlerisches Experiment, sondern auch ein wichtiger Beitrag zur Diskussion über die Grenzen der Demokratie und die Rolle von Theater in der Gesellschaft. Rau betrachtet das Theater als Labor der Demokratie, wo Verfahren sichtbar gemacht und diskutiert werden können. In einer Zeit, in der gesellschaftliche Themen oft polarisiert betrachtet werden, bietet diese Inszenierung eine Gelegenheit zur Reflexion über die Werte und Prinzipien, die unsere Gesellschaft zusammenhalten.
Für weitere Informationen zu diesem faszinierenden Projekt und den damit verbundenen Diskussionen, besuchen Sie die vollständigen Berichte auf Nachtkritik, Die Zeit und SWR.