Michael Rösch, der Biathlon-Olympiasieger von 2006, hat sich in letzter Zeit zunehmend dazu entschlossen, offen über seine Erfahrungen mit Depressionen zu sprechen. Mit nur 22 Jahren trat er in Turin als neues Gesicht des deutschen Biathlons in Erscheinung und konnte sich schnell einen Namen machen. Neben seinem Olympiasieg bringt er beeindruckende Erfolge mit, darunter dreimal WM-Bronze mit der Staffel und zwei Weltcupsiege bis 2009. Doch die hohen Erwartungen, die an ihn gestellt wurden, und finanzielle Probleme führten dazu, dass er seine Karriere nicht wie erhofft fortsetzen konnte, was schließlich in einen mentalen Zusammenbruch mündete.
Der Tiefpunkt kam 2009 in Pokljuka, als er das Stadion mit einem Müllsack über der Schulter verließ. Er fühlte sich innerlich gebrochen und war nicht in der Lage, psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen, da er seine mentalen Probleme als persönliches Versagen ansah. Dieses Gefühl führte dazu, dass er seinen Platz im Weltcup verlor und die Olympischen Spiele 2010 in Vancouver verpasste. In der Saison 2011/12 verpasste er trotz erfüllter WM-Norm die Heim-Weltmeisterschaft und erlebte Panikmomente, die schließlich zu einem Nationenwechsel nach Belgien führten. In dieser Zeit hatte er erstmals Suizidgedanken, was die Schwere seines Zustands verdeutlicht.
Ein Wendepunkt in Röschs Leben
Die gesundheitlichen Probleme, die Rösch erlebte, waren nicht nur psychischer Natur. 2015 wurde bei ihm Drüsenfieber diagnostiziert, und er erlitt einen Achillessehnenriss, was zu einer lebensbedrohlichen Situation führte. Nach dem Karriereende 2019 und einem emotionalen Zusammenbruch suchte er im Mai 2019 schließlich Hilfe in einer Notfallambulanz. Dies markierte einen Wendepunkt in seinem Leben. Nach seiner Diagnose folgten Medikamente und über 50 Therapiesitzungen, die er als Übergang von einem „Nebel“ zu einem „blauen Himmel“ beschreibt.
Rösch betont, dass Rückschläge möglich sind und er gelernt hat, mit seiner Anfälligkeit zu leben. Er möchte das Stigma um psychische Erkrankungen reduzieren und andere ermutigen, Hilfe zu suchen. In einem Podcast mit Christian Akber-Sade teilt er seine Erfahrungen und appelliert an Betroffene, sich nicht allein zu fühlen. Sein Rat an andere lautet: „Sucht euch Hilfe!“ Dies ist besonders wichtig, da der Druck im Spitzensport oft zu schwerwiegenden psychischen Belastungen führt.
Der Druck im Spitzensport
Der 10. Oktober ist der Welttag für psychische Gesundheit, der auf die Herausforderungen aufmerksam macht, die Sportler in ihrer Karriere bewältigen müssen. Das Bewusstsein für psychische Belastungen im Spitzensport hat zugenommen, jedoch mangelt es oft an Aufklärung und passenden Strukturen. Athleten stehen unter ständigem Leistungsdruck, erleben Verletzungen und haben Angst vor Kaderverlust. Studien zeigen, dass psychische Probleme im Spitzensport ähnlich häufig sind wie in der Allgemeinbevölkerung, besonders Körperbildstörungen sind weit verbreitet.
Marion Sulprizio, Diplompsychologin, betont, dass Athleten oft ihre Grenzen nicht erkennen und die Angst vor negativen Karriereauswirkungen sie davon abhält, über ihre mentalen Probleme zu sprechen. Die psychologische Betreuung bleibt zudem häufig unterfinanziert, während finanzielle Mittel oft in die körperliche Leistungsoptimierung fließen. Initiativen wie „Mehr als Muskeln“ und Netzwerke wie „mentaltalent“ in Nordrhein-Westfalen bieten Unterstützung und fördern den Austausch über mentale Probleme. Es besteht ein klarer Bedarf an mehr unabhängigen Einrichtungen zur Unterstützung der Athleten sowie an einer breiteren Bekanntheit der bestehenden Angebote zur mentalen Unterstützung.
Michael Röschs Geschichte ist ein eindringliches Beispiel dafür, wie wichtig es ist, über psychische Gesundheit zu sprechen und Hilfe in Anspruch zu nehmen. Seine Erfahrungen können als Inspiration für andere dienen, die ähnliche Kämpfe durchleben. Die Reduzierung des Stigmas um psychische Erkrankungen im Sport ist unerlässlich, um Athleten zu ermutigen, ihre Kämpfe offen zu teilen und die benötigte Unterstützung zu suchen. Weitere Informationen zu Röschs Erfahrungen finden Sie in einem ausführlichen Artikel auf Rhein-Zeitung sowie auf it-boltwise.





